Technik &
individuelle Entwicklung
Was unsere Spielerinnen und Spieler am Ball können sollen — und wie wir es ihnen beibringen. Für alle Trainerinnen und Trainer im JFV Hünstetten 09, von der G-Jugend bis zur A-Jugend. Stand: Mai 2026 · v1.0.
Kernkasten
Das Wesentliche in wenigen Sätzen. Wer schnell etwas nachschlagen will, liest nur diese Kästen.
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Vertiefung für Erfahrene: Hintergründe, Details, Begründungen. Optional — der Kernkasten reicht für die Praxis.
01 Technik vor Taktik — was heißt das?
Erst der Ball,
dann der Plan.
Ohne Technik nützt die beste Taktik nichts
Technik ist das Handwerkszeug am Ball — Annahme, Pass, Dribbling, Schuss. Taktik ist die Antwort auf die Frage: Was mache ich damit? Wer den Ball nicht sauber annehmen kann, kann nicht passen. Wer nicht passen kann, kann nicht kombinieren. Deshalb gilt im Jugendbereich: Technik vor Taktik — dieser Grundsatz steht im Zentrum der DFB-Ausbildung.
Im Kinderfußball geht es noch nicht um Systeme, sondern um Spielintelligenz: sehen, entscheiden, handeln. Das wächst aus vielen Ballkontakten und vielen kleinen Spielsituationen — nicht aus Tafelbildern.
Drei Ebenen der Taktik
Taktik gibt es nicht nur als Spielsystem. Die DFB-Ausbildungskonzeption unterscheidet drei Ebenen, die sich auf die Altersstufen verteilen:
- Individualtaktik — Entscheidungen des einzelnen Spielers im 1 gegen 1: Anbieten, Lösen, ausspielen oder abspielen. Schwerpunkt E- und D-Jugend.
- Gruppentaktik — Zusammenspiel zu zweit bis viert: Doppelpass, Hinterlaufen, gemeinsames Pressing. Schwerpunkt D- und C-Jugend.
- Mannschaftstaktik — das Team als Einheit: Spielsystem, Aufbau, Verschieben, Standards. Schwerpunkt B- und A-Jugend.
Im Teil 02b dieser Reihe gehen wir auf Taktik und Spielsysteme im Detail ein. Hier konzentrieren wir uns auf die individuelle Entwicklung — die Basis, auf der alles andere aufbaut.
02 Die vier Grundtechniken
Vier Bausteine,
jeden Tag.
Diese vier Techniken machen den Kern des Trainings aus — vom ersten Jahr an. Reihenfolge nach Wichtigkeit für das junge Spiel: Annahme zuerst, dann Pass, Dribbling, Schuss. Das Verhältnis ändert sich mit dem Alter, aber alle vier laufen immer mit.
Die wichtigste Technik. Wer den Ball nicht sauber annimmt, kommt gar nicht erst zur nächsten Aktion.
Was üben: Innenseite, Sohle, Außenseite. „Positive Annahme" — erste Berührung schon in Spielrichtung, nicht ans Standbein.
Innenseite für kurze, präzise Pässe. Innenspann für lange, scharfe Bälle. Außenseite als Überraschung.
Was üben: Innenseiten-Pass bis ins Mark — Standbein neben den Ball, Spielbein durchschwingt, Pass kommt flach an.
Zwei Funktionen: Ball sichern (eng am Fuß) und Gegner ausspielen (Tempo plus Finte).
Was üben: viele Ballkontakte, beide Füße, beide Seiten. Einfache Finten ab E: Ausfallschritt, Übersteiger, Schussfinte.
Innenseite für Präzision aus kurzer Distanz. Vollspann für Wucht. Innenspann für gefährliche Bälle aus halber Distanz.
Was üben: Standbein-Position, Auge bleibt am Ball, Schussfuß nicht verkrampft. Aus dem Lauf, aus dem Stand, beide Füße.
Beidfüßigkeit ist kein Bonus, sondern Standard
Jede Technik wird mit beiden Füßen geübt — von Anfang an. Wer das im Kindesalter versäumt, holt es später schwer auf. Auch wenn der schwache Fuß holprig anfängt: das ist normal, dranbleiben. Faustregel im Training: was der starke Fuß macht, macht der schwache mindestens halb so oft.
Technik lebt vom Wiederholen
Eine Bewegung sitzt erst nach hunderten, eher tausenden sauberen Wiederholungen. Deshalb: lieber viele kurze Technik-Einheiten als seltene lange. Und immer mit Bezug zum Spiel — isolierte Drills ohne Anwendung verschwinden schnell wieder.
03 Kopfball — sensibel, nicht verboten
Lernen, aber
mit Augenmaß.
Die DFB-Linie: heranführen statt verbieten
Anders als in England oder den USA gibt es in Deutschland kein Kopfballverbot für Kinder. Der DFB setzt bewusst auf altersgerechte Heranführung. Begründung: Auf dem Bolzplatz und im Spiel wird ohnehin geköpft — wer es nicht technisch sauber gelernt hat, riskiert größere Schäden als jemand mit Technik.
Praxis: Schaumstoffbälle, Luftballons, Ultralight-Bälle. Ball aus der Hand zuwerfen. Wenige Wiederholungen. Bei nasskaltem Wetter weglassen. Kein Schwerpunkt-Training mit vielen Kopfbällen am Stück.
- Ultralight-Ball (290 g) oder Schaumstoffball
- Niedrigster zugelassener Balldruck
- Ball aus der Hand werfen, nicht schießen
- Stirn frontal treffen, Auge offen
- Hals- und Nackenmuskulatur stärken
- Wenige Wiederholungen, lange Pausen
- Kopfball-Schwerpunkttraining vor der C-Jugend
- Lange Distanzen, scharfe Bälle bei Jüngeren
- Geköpfte Bälle bei nasskaltem Wetter
- Nasser, harter Ball oder Sturzgefahr
- Köpfen mit Schmerzen oder nach Kopfstoß
Halsmuskulatur als Schutz
Je kräftiger die Nackenmuskulatur, desto weniger Beschleunigung bekommt der Kopf bei einem Kopfball ab. Das ist die einzige Stellschraube, an der Trainer aktiv arbeiten können — am besten mit isometrischen Übungen (Spannung halten ohne Bewegung). Ein realistisches Pensum: zwei kurze Einheiten pro Woche, jeweils wenige Minuten.
Internationale Sicht — ehrlich eingeordnet
Die englische FA verbietet Kopfball im Training für unter 12-Jährige, seit 2024 wird in Englands Grassroots-Spielen (U-11 und jünger) der bewusste Kopfball ganz ausgeblendet. In den USA gilt seit 2016: kein Kopfball bis einschließlich 10 Jahren (U11 und jünger), limitierter Kopfball 11–13. Hintergrund sind Studien, die auch leichte, wiederholte Kopfball-Impacts mit langfristigen Hirnveränderungen in Verbindung bringen. Die deutsche Linie ist weicher — die Empfehlungen oben sind die Mindestmaßnahmen, mehr Zurückhaltung schadet aber nicht.
Wettkampf-Ball-Größen (zur Orientierung)
- G/F-Jugend: Größe 3 oder 4 Light (290 g)
- E-Jugend: Größe 4 Light (290 g)
- D-Jugend: Größe 5 Light (350 g)
- Kopfballtraining bei E/D: weiterhin Ultralight
- Ab C-Jugend: normaler Ball, Kopfball regulär im Training
04 Spielintelligenz & Entscheidungen
Sehen, denken,
handeln.
Spielintelligenz ist das, was den Unterschied zwischen einem technisch sauberen Spieler und einem guten Spieler macht. Sie lässt sich nicht doziert lehren — sie wächst durch viele Spielsituationen, in denen das Kind selbst entscheidet.
Bevor der Ball kommt: Wo ist der Gegner? Wo ist der Mitspieler? Wo ist Platz? Stichwort Schulterblick.
Was ist die beste Option jetzt? Pass, Dribbling, Schuss? Die richtige Entscheidung beginnt im Kopf, nicht im Fuß.
Jetzt kommt die Technik. Die Entscheidung wird umgesetzt — sauber, zielgerichtet, im richtigen Tempo.
Anbieten und Lösen
Das einfachste taktische Konzept überhaupt — und das am häufigsten vergessene: Wer den Ball will, muss sich vom Gegner lösen und anbieten. Wer den Ball hat, sucht den freien Mitspieler. Beides lässt sich schon mit der F-Jugend einführen, ohne ein Wort über Systeme zu verlieren.
Differenzielles Lernen
Die Forschung zeigt: Variation schlägt Wiederholung. Wer dieselbe Bewegung immer gleich übt, lernt langsamer als wer sie in vielen kleinen Variationen ausprobiert — verschiedene Bälle, verschiedene Winkel, verschiedene Situationen. Der Kopf bleibt aktiv, das Gehirn schreibt eine robustere „Bewegungsdatei". Das passt perfekt zum Spielform-Training.
Schulterblick — kleines Wort, großer Hebel
Schon F-Jugendliche können lernen, vor der Ballannahme kurz über die Schulter zu sehen. Üben durch Übungen mit „Farbenrufen" oder „Zahlenrufen", die das Kind im letzten Moment vor dem Ballkontakt verarbeiten muss.
05 Spielformen statt Frontaltraining
So viel Spiel
wie möglich.
Kleinfeldspiele lehren am meisten
Kleine Spielformen (3 gegen 3, 4 gegen 4, Funino) bringen pro Kind mehr Ballkontakte, mehr Entscheidungen und mehr Intensität als jede andere Übungsform. Die Studienlage ist eindeutig — Kinderfußball-Reformen in Deutschland und international beruhen darauf.
Faustregel: So viel Spiel wie möglich, so viel Übung wie nötig. Reine Drills ohne Gegner haben einen Platz — aber nicht den Hauptteil der Einheit.
Beispielhafte Spielformen
Idee: Zwei Minitore pro Team, kein Torwart, kein Schiedsrichter. Spieler müssen entscheiden, welches der beiden Tore sie angreifen.
So geht's: Feld ca. 25 × 20 m, Minitore 2 × 1 m. Spielzeit 8–12 Minuten, dann Felder wechseln (Sieger ein Feld höher).
Achten auf: Anbieten und Lösen, Schulterblick, beidfüßig spielen. Kein Coachen am Ball — die Kinder müssen selbst entscheiden.
Idee: Annahme und Pass mit eingebauter Entscheidung.
So geht's: Im Quadrat 12 × 12 m drei Anspielstationen. Der Passgeber ruft im Moment der Ballannahme eine Farbe oder Zahl — zur entsprechenden Station passen.
Achten auf: Schulterblick vor der Annahme. Erste Berührung in Richtung Ziel.
Idee: Der Angreifer hat zwei Tore zur Auswahl — der Verteidiger kann nicht beide gleichzeitig decken.
So geht's: Feld 12 × 16 m, zwei Minitore auf der gegnerischen Grundlinie. Angreifer startet mit Ball aus der Mitte, Verteidiger steht zwischen den Toren. Tausch nach jedem Durchgang.
Achten auf: Finte erzwingt eine Reaktion. Tempo nach der Finte, nicht davor.
Warum Kleinfeld so wirksam ist
Im 11 gegen 11 hat ein junges Kind kaum den Ball, im 7 gegen 7 schon mehr — und im 3 gegen 3 deutlich öfter. Mehr Ballkontakte heißen mehr Lerngelegenheiten, mehr Erfolgserlebnisse und mehr Motivation.
Trainingsaufbau, der trägt
- Aufwärmen — spielerisch aktivieren, FIFA 11+ Kids einbauen (siehe Athletik-Leitfaden)
- Technikblock — ein Schwerpunkt, kurz und konzentriert
- Spielform mit Schwerpunkt — derselbe Inhalt im Spiel
- Freies Spiel — als Belohnung und als ehrlicher Lernraum
06 Coaching-Prinzipien
Wie wir
Trainer sind.
Diese Prinzipien sind keine Vorschriften, sondern eine Haltung. Sie passen zu unserem Anspruch: Persönlichkeiten ausbilden, nicht nur Fußballer. Wer sie verinnerlicht, wird auch mit wenig Fachwissen ein guter Trainer.
Vormachen statt nur erklären
Kinder lernen über das Bild. Eine Bewegung kurz zeigen wirkt mehr als drei Minuten Beschreibung. Wer eine Bewegung selbst nicht zeigen kann, lässt sie von einem Spieler vormachen.
Fragen statt Anweisen
„Wo war Platz?" „Was hättest du sonst machen können?" Solche Fragen fördern Denken. Anweisungen erzeugen Gehorsam — kein Spielverständnis.
Lob für Entscheidungen, nicht nur für Tore
Wer den richtigen Pass spielt und der Mitspieler vergibt: trotzdem gut gemacht. Das Tor ist Ergebnis, die Entscheidung ist Lernstoff.
Begeisterung statt Strafe
Kinder kommen wegen der Freude am Spiel. Strafrunden, lautes Schimpfen, Bloßstellen haben im Jugendfußball nichts zu suchen. Konsequenz ja — aber sportlich, nicht demütigend.
Fair-Play-Liga ernst nehmen
Im Kinderbereich (G/F) bleiben Eltern und Trainer hinter der Coachingzone. Die Kinder entscheiden auf dem Feld selbst — das ist gewollt. Wir greifen nicht permanent ein.
Lieber wenige Prinzipien sauber
Gerade als Quereinsteiger: nicht alles auf einmal versuchen. Drei Dinge, die richtig sitzen, schlagen zehn halbgare. Ein Schwerpunkt pro Einheit reicht.
Quellen & Links
Stand Mai 2026. DFB-Konzeption, Verbands-Empfehlungen und wissenschaftliche Übersichten.
- DFB-Ausbildungskonzeption „Unser Weg". Deutscher Fußball-Bund, aktualisiert 2024. dfb.de/trainer
- Neue Spielformen im Kinderfußball. DFB-Rahmenwerk, seit Saison 2024/25 verbindlich. dfb.de/mehr-fussball/kinderfussball
- Altersgerechtes Kopfballspiel im Kinder- und Jugendfußball. DFB-Richtlinien, 2022. dfb.de — Kopfball-Richtlinien
- FAQ Kopfballspiel im Kinder- und Jugendfußball. fussball.de. fussball.de — FAQ Kopfball
- FA Heading Guidance — Phasing out heading in youth football. The Football Association, England, ab 2024. thefa.com — Heading Guidance
- Header Restriction Policy in Youth Soccer. Mayo Clinic, Konferenzbeitrag 2025 (zu USSF-Regeln seit 2016). prnewswire.com — USSF Header Policy
- Small-Sided Games in European Academies — Skill Acquisition Insights. ScienceDirect, 2026. sciencedirect.com — SSG in Academies
- Effects of Small-Sided Games on Technical Skills in Youth Soccer. NCBI/PMC. ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC12800094
- Tactical Behaviour of Youth Soccer Players (TGfU, SSCG). PMC, 2020. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7706672
- FUNiño — Spielform im Kinderfußball, Hintergrund & Praxis. fussballtraining.com. fussballtraining.com — FUNiño