Trainer-Leitfaden · Teil 01

Athletik &
körperliche Entwicklung

Was wir wann trainieren — und warum. Eine Arbeitsgrundlage für alle Trainerinnen und Trainer im JFV Hünstetten 09, von der G-Jugend bis zur A-Jugend. Stand: Mai 2026 · v1.0.

Kernkasten

Das Wesentliche in wenigen Sätzen. Wer schnell etwas nachschlagen will, liest nur diese Kästen.

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Vertiefung für Erfahrene: Hintergründe, Details, Begründungen. Optional — der Kernkasten reicht für die Praxis.


01   Grundlagen & Begriffe

Was im Körper
passiert.

Aerob

„Mit Sauerstoff." Tempo, das man lange halten kann — Reden ist noch möglich. Die Basis, aus der heraus sich der Körper zwischen den Sprints erholt.

Anaerob

„Ohne Sauerstoff." Kurze, harte Belastung wie Sprint oder Zweikampf. Der Sauerstoff reicht nicht mehr, Laktat entsteht, es brennt — geht nur kurz.

Kernkasten

Fußball ist ein Intervallsport

Ein Spiel ist kein Dauerlauf, sondern ständiger Wechsel aus Sprint, Zweikampf und Pause. Beides zählt: die aerobe Basis sorgt für schnelle Erholung, die anaerobe Leistung für die kurzen, entscheidenden Aktionen.

Wichtig für Kinder: Sie erholen sich zwischen intensiven Belastungen schneller als Erwachsene und arbeiten von Natur aus stärker aerob. Reines Laktat- oder „Kotz-Training" ist deshalb fehl am Platz.

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Die fünf motorischen Grundeigenschaften

Jede sportliche Leistung setzt sich aus fünf Bausteinen zusammen. Im Kinderfußball stehen die ersten beiden klar im Vordergrund:

  • Koordination — Bewegungssteuerung, Geschicklichkeit, Ballgefühl
  • Schnelligkeit — Antritt, Reaktion, Richtungswechsel
  • Ausdauer — durchhalten und schnell regenerieren
  • Kraft — Stabilität, Sprung, Robustheit im Zweikampf
  • Beweglichkeit — Bewegungsreichweite der Gelenke

Belastung, Erholung, Superkompensation

Ein Trainingsreiz ermüdet zuerst. In der Erholung baut der Körper sich etwas leistungsfähiger wieder auf als vorher — das ist Superkompensation. Ohne ausreichende Erholung kein Fortschritt, sondern Abbau. Bei Kindern und Jugendlichen ist das Wachstum selbst eine zusätzliche Dauerbelastung, die man mitdenken muss.


02   Altersgerechte Entwicklung

Früh spielerisch,
später gezielt.

Wir denken in drei Blöcken statt in einzelnen Jahrgängen. Die Altersangaben sind Richtwerte — entscheidend ist der Entwicklungsstand, nicht das Geburtsjahr.

Block A
Grundlagen
G–F · ca. 5–8 J.

Bewegungsvielfalt & Koordination — alles im Spiel.

Kein strukturiertes Athletiktraining. „Athletik" heißt hier: Fangen, Hüpfen, Klettern, Balancieren, viel Ballkontakt. Der Körper lernt Bewegungen, nicht Konditionsprogramme.

Block B
Aufbau
E–D · ca. 9–12 J.

Koordination & Schnelligkeit — möglichst mit Ball.

Das „goldene Lernalter": Technik und schnelle Bewegungen sitzen jetzt besonders gut. Kraft nur über das eigene Körpergewicht (Hüpfen, Springen, Stützen), spielerisch verpackt.

Block C
Leistung
C–A · ca. 13–18 J.

Gezielt Kraft & Ausdauer — ab dem Wachstumsschub.

Jetzt wird strukturiert trainiert: erst Bewegungstechnik mit Eigengewicht, dann schrittweise Zusatzlast. Der Wachstumsschub erhöht das Verletzungsrisiko — Prophylaxe wird Pflicht.

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„Sensible Phasen" — nützlich, aber kein Gesetz

Das verbreitete Modell der sensiblen Phasen besagt: Manche Eigenschaften lassen sich in bestimmten Altersfenstern besonders gut entwickeln. Koordination etwa rund um 8–12 Jahre, Schnelligkeit in zwei Fenstern, Ausdauer und Kraft rund um den Wachstumsschub (Peak Height Velocity).

Ehrlich bleiben: Die scharfe Abgrenzung dieser Fenster ist wissenschaftlich umstritten. Es ist eher eine gute Daumenregel als ein Naturgesetz. Der praktische Kern stimmt trotzdem — früh Technik und Koordination, gezielte Kraft und Ausdauer erst später — und genau danach handeln wir.


03   Athletik in der Praxis

Gute Reize,
verpackt als Spiel.

Kernkasten

Ausdauer ohne Rundenlaufen

Ausdauer im Kinderfußball entsteht spielnah und intervallartig — am besten mit Ball. Kleinfeldspiele, Staffeln und Parcours fordern Herz und Beine genauso wie monotones Laufen, nur motivierender und näher an der echten Spielanforderung.

Kurze, intensive Intervalle (Sprint–Pause–Sprint) sind bei Jugendlichen besonders wirksam und zeitsparend. Lange Dauerläufe und Strafrunden gehören nicht ins Training.

Gut — so trainieren
  • Kleinfeldspiele (3 gegen 3, 4 gegen 4) mit vielen Aktionen
  • Staffeln & Parcours mit Richtungswechseln
  • Kurze Sprint-Intervalle mit echten Pausen
  • Fang- und Reaktionsspiele zum Aufwärmen
  • Sprung- und Hüpfformen für Kraft & Koordination
Vermeiden — veraltet
  • Lange, monotone Dauerläufe ohne Ball
  • Strafrunden als Disziplinierung
  • Isoliertes „Kondition bolzen" am Saisonanfang
  • Maximalkraft an Geräten vor der Reife
  • Statisches Dehnen direkt vor der Belastung

Beispiele zum Nachmachen

Schattenlauf
Schnelligkeit · Reaktion · ab Block B

Ziel: Antritt und Richtungswechsel ohne Vorankündigung.

So geht's: Paarweise. Vorderer läuft frei mit Tempowechseln, Hintermann „klebt" als Schatten dran und ahmt jede Bewegung nach. Nach 15–20 Sek. Wechsel.

Achten auf: Kurze Belastung, echte Pausen. Tempo vor Dauer.

Inseln räumen
Ausdauer · Spielform · ab Block B

Ziel: Viele Antritte in Spielform statt Rundenlaufen.

So geht's: Zwei Teams, in der Mitte verteilte Bälle/„Inseln". Auf Signal so viele Objekte wie möglich ins eigene Feld holen — einzeln, im Sprint.

Achten auf: Felder so groß wählen, dass echte Sprints entstehen.

Hütchen-Hopser
Kraft · Koordination · ab Block B (Eigengewicht)

Ziel: Sprungkraft und saubere Landung — Basis für Knie-Stabilität.

So geht's: Über niedrige Hütchen beidbeinig springen, weich landen, kurz stabil stehen. Später einbeinig.

Achten auf: Knie zeigt über die Fußspitze, nicht nach innen. Qualität vor Menge.

Zahlen-Fangen
Aufwärmen · Reaktion · alle Blöcke

Ziel: Spielerisch warm werden, Kopf und Beine aktivieren.

So geht's: Alle laufen frei. Trainer ruft eine Zahl — so große Gruppen bilden sich blitzschnell, Letzte bekommen eine Mini-Aufgabe.

Achten auf: Locker halten, kein Strafcharakter. Aufgaben sportlich, nie demütigend.

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Schnelligkeit & Koordination zuerst

Im Kindesalter sind Schnelligkeit und Koordination die Priorität — Antritte, Reaktion, Richtungswechsel, Ballgefühl. Diese Inhalte gehören an den Anfang der Einheit, in den ausgeruhten Zustand, nicht ans müde Ende.

Krafttraining: was ab wann?

Krafttraining für Kinder ist sicher und sinnvoll — das ist breiter Konsens (American Academy of Pediatrics, 2020/2024; Internationaler Konsens 2014). Zwei Bedingungen: gute Technik und Aufsicht. Schon ab etwa 5–7 Jahren spielerisch über Eigengewicht (Hampelmann, Froschsprünge, Hüpfen). Zusatzlast oder Hanteln erst mit körperlicher Reife und sauberer Technik. Kein Maximalkraft-, Bodybuilding- oder Powerlifting-Wettkampf vor der Reife.


04   FIFA 11+ & Verletzungsprophylaxe

Aufwärmen,
das schützt.

~48%
weniger Verletzungen
mit 11+ Kids
~74%
weniger schwere
Verletzungen
60–90%
der Verletzungen an
der unteren Extremität

Die meisten Verletzungen im Kinderfußball treffen Knöchel, Knie und Oberschenkel — und U-14 ist die anfälligste Gruppe. Ein gutes, festes Aufwärmprogramm ist die wirksamste und billigste Prophylaxe, die wir haben.

11+ Kids · 7–13 J. 11+ Original · ab 14 J. mind. 2× pro Woche
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Was ist FIFA 11+ Kids?

Ein trainergeführtes Aufwärmprogramm für 7- bis 13-Jährige, rund 15–20 Minuten, sieben Übungen: ein Laufspiel, zwei Sprungformen, eine Balance-/Koordinationsaufgabe, zwei Übungen zur Rumpfstabilität und eine zur Falltechnik. Es ersetzt das normale Aufwärmen, kostet also keine zusätzliche Zeit.

Dosis wirkt

Es gibt einen klaren Dosis-Wirkungs-Zusammenhang: Je öfter pro Woche das Programm läuft, desto größer der Schutz. Mindestens zweimal wöchentlich ist die sinnvolle Untergrenze. Nebeneffekt: Balance, Sprungkraft und Beweglichkeit verbessern sich messbar mit.

Ab 14: das Original

Ab etwa 14 Jahren wechselt man zum FIFA 11+ (Originalversion). Teams, die es mindestens zweimal pro Woche durchführen, hatten 30–50 % weniger verletzte Spielerinnen und Spieler. Die offiziellen Übungskarten gibt es kostenlos online (Link im Quellenteil).

Praxis-Tipp: Das Programm fest in den Trainingsbeginn einbauen und selbst anleiten. Wirkt nur, wenn es regelmäßig und sauber ausgeführt wird — nicht als gelegentliche Zugabe.

05   Training aufbauen & steuern

Eine Einheit,
drei Teile.

1
Aufwärmen

Spielerisch aktivieren, dynamisch dehnen (in Bewegung). Hier sitzt das FIFA-11+-Programm.

2
Hauptteil

Schwerpunkt der Einheit — Technik und schnelle Inhalte früh, wenn die Köpfe und Beine frisch sind.

3
Ausklang

Lockeres Spiel, ruhig ausrollen, kurzes Feedback. Den Abschluss positiv halten.

Kernkasten

Belastung an Wachstum anpassen

Im Wachstumsschub werden Bewegungen vorübergehend „eckig" und unrund — das nennt sich adoleszente Ungeschicklichkeit und ist völlig normal. Kein Grund zu schimpfen: Technik geduldig wiederholen, Belastung in dieser Phase eher steuern als steigern.

Kernkasten

Dehnen — wann was

Vor dem Training: dynamisch. In Bewegung durch den vollen Bewegungsumfang — Beinschwünge, Ausfallschritte, Anfersen, Hüftkreisen. Das bringt Muskeln und Nerven auf Betriebstemperatur und verbessert Sprung und Antritt nachweislich. Das FIFA-11+-Aufwärmen ist genau das.

Nach dem Training oder separat: statisch. Ruhiges Halten einer Dehnung (etwa 20–30 Sek.) verbessert auf Dauer die Beweglichkeit. Hier ist es gut aufgehoben — nicht als alleiniges Aufwärmen davor.

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Statisches Dehnen — differenziert

Lange galt: statisches Dehnen direkt vor dem Sport mindert Kraft und Schnelligkeit. Neuere Übersichtsarbeiten relativieren das: kurze Halts (15–30 Sek.) im Rahmen eines vollständigen Aufwärmens schaden der Leistung nicht. Problematisch ist nur langes, isoliertes Dehnen als einziges Aufwärmen. Praktische Regel bleibt einfach: dynamisch aufwärmen, statisches Dehnen höchstens kurz und ergänzend.

Was Dehnen nicht leistet

  • Es senkt das Gesamt-Verletzungsrisiko nicht — dafür ist das komplette 11+-Programm (Kraft, Balance, Technik) zuständig, nicht das Dehnen allein.
  • Als Regenerationsmittel ist es überschätzt: Muskelkater wird durch Dehnen kaum geringer. Schlaf und Essen wirken mehr.
  • Für Kraft- oder Beweglichkeitsaufbau ist gezieltes Training wirksamer als Dehnen.

Belastung & Erholung im Blick behalten

  • Intensive Inhalte und Spieltage über die Woche verteilen
  • Schlaf ist die wichtigste Regeneration — gerade bei Jugendlichen
  • Mehrfachbelastung beachten: Schule, Verein, andere Sportarten
  • Schmerzen, die bleiben, ernst nehmen — nicht „wegtrainieren"

06   Ernährung & Regeneration

Gutes Essen,
keine Pulver.

Sportlerernährung im Jugendbereich ist keine Wissenschaft aus Supplementen, sondern normales, ausgewogenes Essen mit etwas Timing. Der Grundsatz lautet „Food first" — echtes Essen vor Pulvern und Sportgetränken.

Vorher

Etwa 30–60 Min. vorher eine leichte, kohlenhydratbetonte Kleinigkeit: Obst, ein Müsliriegel, etwas Brot. Große Mahlzeiten mit 2–3 Stunden Abstand.

Trinken

Über den ganzen Tag verteilt Wasser. Schon vor dem Training gut hydriert ankommen. Bei normalen Einheiten unter einer Stunde reicht Wasser völlig.

Nachher

In den ersten ein bis zwei Stunden eine Mahlzeit aus Kohlenhydraten und etwas Eiweiß — füllt die Speicher und unterstützt die Muskulatur.

Vegan / vegetarisch

Problemlos abbildbar. Eiweiß aus Hülsenfrüchten, Tofu, Vollkorn, Nüssen. Auf Eisen, Vitamin B12 und Kalzium achten — pflanzliches Eisen nimmt der Körper besser mit Vitamin C auf.

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Kinder leeren ihre Speicher schneller

Jugendliche speichern relativ weniger Kohlenhydrate (Glykogen) als Erwachsene und ermüden dadurch schneller, wenn nicht nachgetankt wird. Kohlenhydrate über den Tag verteilen statt auf einmal. Während des Trainings braucht es nur dann zusätzliche Energie, wenn eine Einheit deutlich über 60–75 Minuten geht.

Verpflegung bei Turnieren

An langen Spieltagen kühle Getränke bereitstellen und zu regelmäßigem Trinken auffordern — Kinder trinken von allein oft zu wenig. Mitgebrachte Snacks: Obst, Brote, Riegel. Wir bieten am Spielfeldrand vegane und vegetarische Optionen an, mit einer Fleisch-Alternative daneben — so ist für alle etwas dabei.

Energydrinks gehören nicht hierher

Koffeinhaltige Energydrinks sind für Kinder und Jugendliche im Sport ungeeignet. Wasser und gutes Essen decken den Bedarf vollständig.


Quellen & Links

Stand Mai 2026. Fachgesellschaften und systematische Übersichten; Links zum Weiterlesen.

  1. FIFA 11+ Kids — Wirksamkeit (Systematic Review). Journal of Orthopaedic Surgery and Research, 2024. link.springer.com/article/10.1186/s13018-024-04876-9
  2. FIFA 11+ Kids — Verletzungsprävention (Meta-Analyse). Int. J. Environ. Res. Public Health, 2022. ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC9566496
  3. FIFA 11+ Kids — Wirkung auf motorische Leistung (RCT). PubMed, Rössler et al. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26508531
  4. Resistance Training for Children and Adolescents. American Academy of Pediatrics, 2020 (bestätigt 11/2024). publications.aap.org/pediatrics/article/145/6/e20201011
  5. Position Statement on Youth Resistance Training: 2014 International Consensus. British Journal of Sports Medicine, 2014. bjsm.bmj.com/content/48/7/498
  6. Youth Athlete Development Models (LTAD, sensible Phasen) — Narrative Review. 2021. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8669922
  7. Sensible Phasen — kritische Einordnung. Übersicht zur Trainierbarkeit, 2026. gymbrotools.com — Sensitive Periods: A Critical Appraisal
  8. HIIT & Ausdauer bei jungen Athleten — Meta-Analyse. 2025. ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC12497894
  9. Optimizing Performance Nutrition for Adolescent Athletes. Nutrients, 2025. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12430154
  10. Sports Nutrition for Youth — Handbuch für Trainer. Alberta Health Services. albertahealthservices.ca — Sports Nutrition for Youth (PDF)
  11. Practical Recommendations on Stretching — Delphi-Konsens. J. Sport and Health Science, 2025. sciencedirect.com — Delphi Consensus on Stretching
  12. Dynamic Warm-ups — Rolle für Leistung & Verletzungsschutz. Übersichtsarbeit, 2025. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12034053
Hinweis Dieser Leitfaden ist eine Arbeitsgrundlage, keine medizinische Beratung. Bei Verletzungen, Schmerzen oder gesundheitlichen Fragen gilt der Rat von Ärztin oder Physiotherapeut. Technik- und Taktik-Inhalte folgen als eigener Teil der Reihe — siehe Technik-Leitfaden.